Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene des 2. Weltkriegs in der Emder Erde

© Michael Skoruppa, Juli 2005, zuletzt ergänzt März 2006

1. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die im 2. Weltkrieg in Emden gestorben sind und begraben wurden

§

NATION

ORT

NR_

NAME

VORNAME

GEBOREN

GEBURTSORT

GESTORBEN

IN

BERUF

WEITERE_BEMERKUNGEN

FRIEDHOF

-

Russe

-

-

-

-

-

1945.04.29

Emden

-

unbekannter Russe, Ble I d N.2N.41, beiges. 3.5.45

Bolardus

6e

Russe

Ausländerreihe

09

-

-

-

-

-

-

-

unbekannter Russe

Tholenswehr

6e

Ukrainer

Ausländerreihe

01

-

-

-

-

1941

-

-

unbekannter Ukrainer

Tholenswehr

6f

Ukrainer

Ausländerreihe

15

-

-

1914.05.05

-

1945.05.10

-

-

unbekannter Ukrainer, (später hinzugefügt: vermutlich Humik)

Tholenswehr

-

Russe

Ehrenteil rechts

65?

1

-

-

-

1943.03.17

Emden ?

-

auf Grabstein: Unbekannter Russe, keine Sterbeurkunde, keine Totenkarte

Tholenswehr

-

Russe

Ehrenteil rechts

56?

2

-

-

-

1943.03.17

Emden ?

-

auf Grabstein: Unbekannter Russe, keine Sterbeurkunde, keine Totenkarte

Tholenswehr

-

Russe

Ehrenteil rechts

56?

3

-

-

-

1943.03.17

Emden ?

-

auf Grabstein: Unbekannter Russe, keine Sterbeurkunde, keine Totenkarte

Tholenswehr

1

Russe M

Ehrenteil

75e

Artamoschkin

Wladimir

1912.10.28

Selentschuk

1942.06.29

Emden

-

handschr: kgf. Lager Nesserland, beiges. 29.6.1942

Bolardus

1

Serbe M

Ehrenteil

67

Cosic

Varilin (Vaslije)

1893.07.12

Zlatarin/Serbien

1943.07.08

Emden

Soldat 99026 X B

handschr: beiges. 10.7.1943

Bolardus

1

Serbe M

Ehrenteil

75d

Culjewic

Amir

1913.04.04

Detane/Serbien

1942.01.23

Emden

Soldat

handschr: beiges. 28.1.1942

Bolardus

1

Russe M

Ehrenteil

75h

Ganscha

Stephan

1910.08.20

-

1942.05.18

Emden

-

handschr: Kgf.Lager Nesserland

Bolardus

6e

Pole

Ausländerreihe

18

Grosywarz

Johann

-

-

1944.03.16

-

-

-

Tholenswehr

1

Serbe M

Ehrenteil

75c

Grubicshic

Djura

1905.04.28

Sermanic

1941.06.03

-

-

handschr: 97709 beiges. 6.6.1941

Bolardus

1

Russe M

Ehrenteil

75f

Gurenko

Iwan

1909.05.03

Pogrinewzi

1942.06.11

Emden

-

handschr: Kgf Lager Nesserland

Bolardus

6e

Holländer

Ehrenteil rechts

56

Klamer

Lucas

1900.11.04

-

1943.10.02

Emden

-

umgebettet am 11.10.1955 vom luth. Friedhof Emden-

Tholenswehr

6e

Franzose

Ehrenteil rechts

58

Madec

Marcel

1883.07.18

-

1942.02.06

-

-

umgebettet am 11.10.1955 vom ev.-luth. Friedhof Emden

Tholenswehr

6e

Russe

Ausländerreihe

03

Marosz

Michael

1890.01.11

Bogojowska Krs. Dubno

1944.08.27

Emden

Arbeiter

II/36/44

Tholenswehr

6e

Russe

Ausländerreihe

04

Marosz

Semen

1907.07.02

Bogojowska Krs. Dubno

1944.08.27

Emden

Arbeiter

II/38/44

Tholenswehr

1

Serbe M

Ehrenteil

75a

Milanovic

Specko

1911.06.19

Koiscinovac

1942.01.06

Emden

Soldat 100 013

handschr: beiges. 14.1.42

Bolardus

1

Serbe M

Ehrenteil

75b

Milanovic

Michaile

1913.10.15

Koiscinovac

1942.01.06

Emden

Soldat 100 014

handschr: beiges. 14.1.42

Bolardus

6e

Russe

Ehrenteil rechts

57

Ourbanoff

Michael

1892.09.19

-

1944.05.01

-

Maschinen schlosser

umgebettet 11.10.1955 v. ev-luth Friedh EMD, (handschr neben Name: Groningen)

Tholenswehr

6e

Russin

Ehrenteil links

58

Schmenolda

Dragina Hapka

1920.02.08

Lischano

1943.05.21

Twixlum

Landwirtsch. Gehilfin

Nr.7/1943, umgebettet am 27.9.1955 von Twixlum

Tholenswehr

-

-

-

75e?

Tschebotarew

Michael

1907.08.04

-

1942.08.23

-

-

Kgf.Lager Nesserland, nicht aufgefunden

luth. Friedh

1

Russe M

Ehrenteil

75g

Tschenzow

Iwan

1910.09.22

Kandrowy

1942.06.17

Emden

-

handschr: Kgf Lager Nesserland

Bolardus

6e

Lette

Ausländerreihe

10

Vorobjers

Leontys

1921.06.28

Riga

1944.09.06

Emden

Heizer

II/39/44

Tholenswehr



Der „Ehrenteil links oder rechts“ des Friedhofs Tholenswehr befindet sich auf der so gekennzeichneten Kriegsgräberstätte. Die „Ausländerreihe“ ist ziemlich

abseits davon, in der Nähe des Friedhofbüros. Wer durch den Eingang des Friedhofs geradeaus auf die Kriegsgräberstätte zugeht, nimmt sie nicht wahr.

2. Umbettungen aus der heutigen Gemeinde Rhauderfehn in den Jahren 1955 und 1956

Am 11.10.1955 wurden 17 Unbekannte aus  Burlage  überführt und auf dem Ausländer-Ehrenteil des Friedhofs Emden-Tholenswehr beigesetzt.
Die Gräber-Nummern sind: 41-49. 53-55, 61-65.

Am 5.7.1956 wurden 3 Unbekannte aus  Westrhauderfehn  überführt und auf dem Ausländer-Ehrenteil des Friedhofs Emden-Tholenswehr beigesetzt.
Die Gräber-Nummern sind: 62-64.



3. Tote Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter des  2. Weltkriegs, die 1955 auf den Friedhof  Tholenswehr umgebettet wurden

§

NATION

EHRENTEIL

NR

NAME

VORNAME

GEB

GEBURTSORT

GEST

IN

STANDESAMT

REG-NR

URSACHE

BERUF

UMGEBETTET

VON

6e

Pole

links

57

Biadiax

Adeam

17.11.39

Bischofshoven Krs. Konin

05.01.44

Pewsum Krs. Norden

Pewsum

01.03.44

Magenkrebs

-

27.09.55

Pewsum

63

Russe

links

60

Drobet

Michail

12.09.24

Elisaweta

27.04.45

Ammersum Brückenfehn

Pilsum

16/46

Tod durch elektrischen Schlag

Landwirtsch. Gehilfe

11.10.55

Hollen

6e

Ukrainerin

rechts

65

Joshin

Miklizia

-

-

13.12.44

Klein Hollen

-

nicht beurkundet

"Tod durch Erhängen"

Landwirtsch. Gehilfin

15.10.55

Hollen

1

Pole

links

59

Kalbarcek

Jan

11.09.11

-

21.04.45

Weener

Weener

Brief vom 27.3.2006 Stadt Weener

Durch Artillerie-Volltreffer getötet

-

11.10.55

Weener

6e

Pole

rechts

50

Kazpozak

Czestaw

05.06.20

Sovan Krs. Löwenstadt/Polen

11.10.42

Canum

Canum

01.02.42

Gehirntumor

Landwirtsch. Gehilfe

27.09.55

Canum

6e

Ukrainerin

links

56

Kosin

Maria

07.04.25

Popiwka Krs. Poltawa

09.08.43

Nesse-Hammrich

Nesse

13/1943

Darmleiden

Landwirtsch. Gehilfin

27.09.55

Nesse

6e

Ukrainerin

rechts

65

Maritzka

Sopfia

-

-

13.12.44

Klein Hollen

-

nicht beurkundet

"Tod durch Erhängen"

Landwirtsch. Gehilfin

11.10.55

Hollen

1

UkrainerZ

rechts

52

Samorodow

Iwan

20.05.25

-

21.04.45

Weener

Weener

Brief vom 27.3.2006 Stadt Weener

Durch Artillerie-Volltreffer getötet

Blecharbeiter

11.10.55

Weener

1

Russe Z

rechts

51

Wanukow

Iwan

01.10.21

-

21.04.45

Weener

Weener

Brief vom 27.3.2006 Stadt Weener

Durch Artillerie-Volltreffer getötet

Blecharbeiter

11.10.55

Weener

Die Angaben zu Nr.1 bis Nr.3 sind den Totenkarten des Friedhofsamtes Tholenswehr entnommen. Von der Stadt Weener erfuhr ich brieflich die Todesursache der dort getöteten Zwangsarbeiter

4. Zwangsarbeiter-Kinder auf dem Feld B des Friedhofs Tholenswehr

Name

Vorname

Geboren

Gestorben

Grab-Nr.

Beerdigt

Lager

Simanenko

Pawlik

03.08.44

13.11.44

88

17.11.44

Früchteburg

Odinzowa

Lina

31.05.44

29.11.44

87

01.12.44

Früchteburg

Stanitschenko

Josef

09.10.44

17.11.44

86

21.11.44

Früchteburg

Tschasnokowska

Nina

30.07.42

25.12.44

85

03.01.45

Früchteburg

Butowa

Maria

14.11.44

01.01.45

84

06.01.45

Königspolder



Entnommen der Akte: „Kriegsgräberfürsorge. Erfassung und Meldung von Gräbern alliierter Soldaten und Zivilarbeiter anderer Nationen“ im Stadtarchiv Emden.

Über der Liste steht Feld VII, Abt. B. Darunter finden sich die Nummern 88, 87, 86, 85,84, 83 od. 77, 76, 75, (73), 70. Für 83 gibt es jedoch keinen Eintrag in der

handschriftlichen Liste. Über dem ersten Namen (Simanenko) steht durchgestrichen: Ukrainer Kind.

Nach Aussagen von Zeitzeugen der Geschichtswerktatt Barenburg befand sich auf dem Gelände der Früchteburg-Lager ein Bordell, in dem Zwangsarbeiterinnen

ihren „Dienst“ verrichten mussten. Es ist vorstellbar, dass eines oder mehrere dieser Kinder von solchen Zwangsprostituierten stammen. Die Lebensbedingungen

für die Kinder müssen schrecklich gewesen sein, ein Wunder, dass es eine Mutter schaffte, ihr Kind fast 2 ½ Jahre am Leben zu halten, bis es an Weihnachten 1944

starb.

Die Gräber waren bisher nicht zu erkennen. Am 28.11.2008 wurde für die toten Zwangsarbeiter-Kinder eine Gedenktafel eingeweiht..



  1. In der Ziegeleistraße gehenkte Ukrainer

Am 25.1.1944 wurden in der Ziegeleistraße zwischen 13 und 15 Uhr fünf Ukrainer im Alter zwischen 18 und 21 Jahren gehenkt. Sie waren tags zuvor in einem

Schnellgerichtsverfahren wegen Lebensmittel-Diebstahls zum Tode verurteilt und in einem Güterwagen auf dem Südbahnhof gefangengehalten worden. Sie schrien

aus Todesangst. Die Zuschauer bei der Hinrichtung sollen das Horst-Wessel-Lied angestimmt und die rechte Hand zum Hitlergruß erhoben haben. Wo die

sterblichen Überreste der Exekutierten zu finden sind, ist bis heute nicht bekannt.

   

Name Geburtstag Geburtsort
Andrej Wojtink 10.8.25 Genitschek
Peter Jasyr 7.5.23
Nikolaj Stebina 25.12.24 Dawydowka
Michail Gritschenko 20. 9.23 Hoykorewka
Iwan Schepitko 4.1.26 Ukrainka

Quelle: Günter Heuzeroth “ Die im Dreck lebten”. Unter der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus 1939-1945. Band IV/4. Dargestellt an den Ereignissen in Weser-Ems, Oldenburg, 1995, S.101f.

Inzwischen liegen die Sterbeurkunden des Standesamtes Emden vor, die die Angaben bestätigen.

 6. Schätzung der Zahl der in Emden getöteten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter

Die 27 in Emden gestorbenen und beerdigten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter sind nur ein Bruchteil der in Emden getöteten Ausländer. Von den fünf am 25.1.1944 gehenkten Ukrainern ist nicht bekannt, wo sie begraben oder verscharrt wurden.
Für 16 Niederländer hat Dietrich Janßen den Beerdigungsort in den Niederlanden herausgefunden ("Opfer unter den niederländischen Zwangsarbeitern in Emden" in der Datei "bombenopfertext1-2.pdf", zu finden im Internet unter www.bunkermuseum.de). Chris.-G.Dallinga hat in seiner Zusammenstellung "Bombenopfer 1940-1945", Emden 2000/2001 (zu finden in der gleichen Datei) weitere 34 Opfer unter den Ausländern aufgeführt, für die ich kein Grab auf einem Emder Friedhof fand, für die es jedoch Sterbeurkunden beim Emder Standesamt gibt. Von Dietrich Janßen erfuhr ich auch, daß von weiteren 24 ausländischen Bombenopfern im "Kriegstagebuch des Vorstehers des Hauptzollamts Emden" (Original im Staatsarchiv Aurich), hrsg. von Manfred Denke und Wolfgang Henning, die Rede ist. Es ist -die Bombenopfer eingeschlossen- von  an die 100 getöteten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern  auszugehen. Die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter hatten keinen Zutritt zu den Bunkern, die sie mit gebaut hatten.

  1. Erinnern oder Vergessen?

In Emden befindet sich eine offiziell gekennzeichnete Kriegsgräberstätte: auf dem Friedhof Tholenswehr. Dort sind eventuell 3 unbekannte Russen begraben, die in Emden gestorben sind. Sicher ist das nicht, da hinter dem Sterbeort Emden auf der Totenkarte ein Fragezeichen steht. Weitere in Emden gestorbene Zwangsarbeiter ode Kriegsgefangene aus dem Osten Europas liegen in der „Ausländereihe“. Da findet sie kaum jemand.

Auf die toten Kinder aus dem Zwangsarbeiterlager Früchteburg, deren sterbliche Überreste auf dem Friedhof Tholenswehr ruhen, weist nichts hin, kein Schild, keine Grabplatte. Es gibt keine abgetrennten Gräber. Über ihnen wächst einfach Gras.

Die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die auf dem Gelände der Kriegsgräberstätte ruhen, sind dorthin in den Jahren 1955 und 1956 umgebettet worden, aus ganz Ostfriesland. In den Orten, wo sie ihr Leben ließen, fehlt heute wahrscheinlich jeder Hinweis auf sie oder ihr Schicksal.

Die 17 Unbekannten aus Burlage sind auf mehrere Gräber verteilt. Burlage bekam erst 1962 einen Friedhof, die Toten wurden jedoch bereits 7 Jahre früher überführt. Indizien deuten darauf hin, dass es sich um geflohene KZ-Häftlinge aus Esterwegen handelt. Eine offizielle Bestätigung war weder vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge noch vom Niedersächsischen Innenministerium zu erhalten. T.X.H. Pantcheff, der britische Ankläger, der nach dem 2. Weltkrieg die Zustände im KZ Esterwegen untersuchte, berichtet in seinem Buch „Der Henker vom Emsland. Dokumentation einer Barbarei am Ende des Kreges 1945“ (Verlag Schuster, Leer, 19952, S.44ff.) jedoch davon, dass 8 geflohene Häftlinge in Burlage gefasst wurden. Sie mussten ihr eigenes Grab schaufeln und wurden erschossen.

4 serbische und 4 russische Soldaten liegen auf dem Bolardus-Friedhof, ganz hinten, kurz vor dem Tief, seitlich hinter hohen Büschen. Es gibt auch Emder, die nicht wissen, dass auf dem Bolardus-Friedhof Soldaten, auch viele Deutsche, beerdigt sind. So leicht zu finden ist er nicht. Es gibt kein Hinweisschild am Eingang.

Der Exekutionsort der 5 jungen Ukrainer ist bekannt. Aber an diesem Ort erinnert 60 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod immer noch nichts an sie.

Am 20.Juli 2005 wurde bei den Berufsbildenden Schulen I in Emden ein Denkmal an die Zwangsarbeiter errichtet, die in den nahegelegenen Früchteburg-Lagern interniert waren.

Michael Skoruppa

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